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HOPE-Arbeitstagung in Freistatt entwickelt nachhaltige Ziele für die Zukunft


Diskussion

 Zu einem Arbeitstreffen trafen sich am vorletzten November-Wochenende Vertreter der europäischen Obdachlosen-Organisation HOPE in der diakonischen Einrichtung Freistatt („Bethel im Norden“) zwischen Sulingen und Diepholz in Niedersachsen auf Einladung des Armutsnetzwerks e.V.. HOPE versteht sich als europäische Organisation der von Obdachlosigkeit betroffenen Menschen und vereint Mitglieder aus unterschiedlichen Arbeitszusammenhängen und Strukturen. (http://www.homelesspeople.eu)

 Das neu gegründete Diakonische Werk Niedersachsen, das die Teilhabe der jeweils Betroffenen in seine Statuten übernommen hat, ermöglichte die finanzielle Absicherung dieses Treffens von Vertreter_innen aus acht europäischen Ländern.

 Die einleitende Vollversammlung, in der die verschiedenen Problemfelder der kleinen Organisation bereits angerissen wurden, machte allen Anwesenden deutlich, wie unterschiedlich die Bedingungen für die Arbeit mit Obdachlose in den jeweiligen Ländern sind. Harald Thisted Gjersoe, der derzeitige Vorsitzende von HOPE, und die anderen Delegierten zeigten auf, wie schwierig teilweise die Aktivität in den einzelnen europäischen Ländern ist, weil teilweise noch keine Strukturen aufgebaut werden konnten, weil wesentliche Voraussetzungen nicht vorhanden sind.

 Am entwickeltesten sind sie in Dänemark, wo ein staatlich gefördertes Betreuungssystem für Obdachlose besteht. Sie reicht von einer staatlichen Organisation, die als Teil des staatlichen Sozialsystems gefördert wird wie in Dänemark bis hin zu einzelnen regionalen Selbsthilfe-Initiativen, wie zum Beispiel in Portugal oder Frankreich. HOPE versteht sich als politisches Sprachrohr zur Wahrnehmung der Rechte von Obdachlosen auf europäischer Ebene, möchte aber auch auf die politische Willensbildung in den Mitgliedsländern der Europäischen Union Einfluß nehmen. Leider war HOPE in den etwa vier Jahren seit der Gründung noch nicht so vernehmbar, wie es sich die Initiatoren vorgestellt hatten. Die dänischen Initiatoren sorgten dafür, daß internationale Kontakte geknüpft wurden. So kam auch die Verbindung zum Armutsnetzwerk in Deutschland zustande.


HOPE Mitglieder

 Leider beschäftigte man sich in der Vergangenheit stark damit, Regularien von HOPE festzulegen, Ein Punkt, der Kontroversen auslöste, war das Problem, daß nur Menschen mit eigener Obdachlosigkeitserfahrung Mitglied in der Organisation sein durften. Dieses Problem konnte auch nach erneuter kontroverser Diskussion noch nicht zufriedenstellend gelöst werden. Die Tagung selbst zeigte, daß erst Betroffene und ihre gesellschaftlichen Unterstützer_innen in der Lage sind, eine funktionierende Organisation aufzubauen.

 In einem gut strukturierten Workshop, der von Dr. Stefan Schneider (Berlin) und André Schulze (Diakonisches Werk Niedersachsen) geleitet wurde, wurden die Unterschiede in den einzelnen europäischen Ländern besonders deutlich. Während in Ungarn die Verfolgung von Obdachlosen Programm der rechtsgerichteten Regierung ist und bereits zu einigen Verurteilungen geführt hat, sind in Portugal viele Menschen durch die Wirtschaftskrise durch Zwangskündigungen betroffen und verlieren ihre Unterkunft. Selbst in einem sozial gut ausgestatteten Land wie Dänemark verlieren neuerdings mehr junge Leute ihre Unterkunft, weil im Alter von 18 Jahren die staatliche Unterstützung für die Familien ausläuft. Auch in Irland ist das Hauptproblem, daß mit dem Platzen der Immobilienblase und der Wirtschaftskrise sich die Wohnungssituation drastisch

verschlechtert hat. In einigen anderen Ländern spielt die Unterbringung von Obdachlosen in Sammelunterkünfte eine zentrale Rolle. Damit wird zwar nach außen signalisiert, daß man von staatlicherseits das Obdachlosenproblem „gelöst“, aber die Nachhaltigkeit dieser Maßnahmen ist zu hinterfragen. Eine soziale Integration findet in aller Regel nicht statt. In Finnland werde allerdings von der verbreiteten Praxis der Sammelunterkünfte abgewichen und Obdachlose in Wohnungen untergebracht, was allein aus klimatischen Gründen sinnvoll ist. So berichteten die beiden Vertreter_innen aus Finnland, daß in letzter Zeit zunehmend russische Staatsbürger aus den baltischen Staaten nach Finnland einwanderten, um in den Genuß der Hilfe zu kommen, die ihnen in ihren Herkunftsländern versagt wird.

 Insgesamt zeigte dieser Workshop, wie notwendig es ist, eine auf europäischer Ebene agierende Vertretung von Wohnungslosen zu haben, um immer wieder auf die Defizite in den europäischen Ländern hinzuweisen und durch die Sensibilisierung der Öffentlichkeit Druck auf politische Entscheidungsträger und staatliche Instanzen auszuüben. Besonders an den Beispielen Österreich und Holland wurde deutlich, wie wichtig Schutzmaßnahmen für von Obdachlosigkeit bedrohte Familien und alleinerziehende Mütter sind. In Holland herrscht die Tendenz vor, die Thematik öffentlich eher zu verdrängen, als offensiv für eine Verbesserung der Situation einzutreten. Aber diesem Arbeitsfeld haben sich inzwischen Hilfsinitiativen zugewandt.


HOPE Vorstander (von links)
Michael Mackey (IE), Reijo Pipinen (FI),
Harald Thisted Gjersøe (DK), Evelin Szamuel (AT)

 Insgesamt wurde klar, daß HOPE vor einer Vielzahl von Aufgaben steht: einmal muß sich der Organisation finanziell und organisatorisch festigen, daß sie gezielt Einfluß nehmen kann in nationallen und europäischen Belangen der Betroffenen. Wiederholt wurde auf die Verletzung der Europäischen Menschenrechtscharta in verschiedenen Ländern hingewiesen. In dieser Frage sollte sich HOPE zu einer vernehmbaren Stimme entwickeln.

 In der Auswertung der vielen Beiträge kristallisierte sich heraus, welche Fragen in naher Zukunft angegangen werden müssen: das Finanzierungsproblem, damit solche europäischen Arbeitstreffen öfter stattfinden können. Auch soll die Öffentlichkeitsarbeit ein größeres Gewicht erhalten. Schließlich müssen die zahlreichen Ansätze zu einem Aktionsprogramm verfeinert werden. Mit diesen Schwerpunkten hatte die Tagung nach intensiven Diskussionen praktische Zielsetzungen für die Zukunft gefunden.

 Für die ausländischen Delegierten war der Ort der Konferenz noch eine zusätzliche Attraktion. In der Mittagspause am zweiten Tag lud Christof Meyer-Gerlt von der „Freistätter Online-Zeitung“ zu einem Rundgang über das weitläufige Gelände der Anlage ein. Hier war man zusammen an einem historischen Ort der Betreuung von Wohnungslosen in der Vergangenheit und in der Gegenwart und man konnte gut sehen, wie sich in Deutschland die Auffassung und Behandlung von Obdachlosen über die Jahrzehnte verändert haben. (http://www.bethel-im-norden.de)

 

Gerhard Zamzow