• Armutsnetzwerk

  • Armutsnetzwerk

  • Armutsnetzwerk

  • Armutsnetzwerk

  • Armutsnetzwerk

 

Statement von Dr. Frank Johannes Hensel,

Sprecher der Nationalen Armutskonferenz (nak) und
Diözesan-Caritasdirektor für das Erzbistum Köln

 

Freitag, 16. Oktober 2015

„Armut ist kein Zufall“

 

„Wie die Sklaverei und die Apartheid ist auch die Armut nicht naturgegeben.“ Das sagte Nelson Mandela im Februar 2005. „Sie ist von Menschen gemacht und sie kann durch das Handeln der Menschen überwunden werden.“

In diesem Sinne hatte ich im Februar 2010 von einem guten Tag für Deutschland und einer guten Entscheidung für die Menschen gesprochen.

Denn in jenen Tagen hatte das Bundesverfassungsgericht die Bundesregierung heftig gerügt. Es forderte sie dazu auf, die Grundsicherung, also das Mindeste für ein Leben in Deutschland, binnen Jahresfrist so auszugestalten, dass gemäß Artikel 1 Grundgesetz die Würde des Menschen nicht angetastet wird. Dieses Urteil gab Anlass zu der Hoffnung, dass sich Lücken in der Existenzsicherung schließen würden.

Das war ein Trugschluss. Einzige direkte Gesetzesfolge war die Einführung eines sogenannten Bildungs- und Teilhabepaketes für arme Kinder mit einer Mischung aus Nachhilfesubventionen bei Versetzungsgefährdung, Zuschüssen zum Mittagessen und jenen merkwürdigen zehn Euro für Sportvereine und Musikunterricht bei nachgewiesener Bedürftigkeit.

Der Erfolg dieses Paketes blieb aus: Jedes fünfte Kind in Deutschland wächst in einer einkommensarmen Familie auf. Familienarmut in Deutschland bedeutet, dass am Ende des Geldes noch Monat übrig ist, dass Lebensmittelausgaben oftmals unter verdeckter, großer Scham aufgesucht werden und die Kinder und Jugendlichen Tag für Tag nicht dabei sein können bei Sachen, die für ihr Alter wichtig und ganz normal wären: Einladungen und Ausflüge annehmen, in einen anderen Stadtteil fahren, mal ins Kino oder Eis essen gehen – von angesagter Kleidung ganz zu schweigen. Klar kann man das überleben, aber dieses Nicht-dabei-sein-können von klein an wird für die meisten ein Leben lang anhalten.

weiterlesen

Nationale Armutskonferenz legt 2. Schattenbericht „10 Jahre Hartz IV“ vor. Mehr Entschiedenheit bei der Bekämpfung von Armut gefordert: „Keine weiteren Jahre verlieren!“

Köln/Berlin. Zum zweiten Mal nach 2012 hat die Nationale Armutskonferenz (nak) heute einen Schattenbericht zur Armut in Deutschland vorgelegt. Er trägt den Titel „Zehn Jahre Hartz IV – zehn verlorene Jahre“. Vor der Berliner Bundespressekonferenz betonte nak-Sprecher Dr. Frank Johannes Hensel, Armut sei „kein unglücklicher Zufall“. Er forderte mehr politische Entschiedenheit bei der Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung in Deutschland. „Wir dürfen keine weiteren Jahre mehr verlieren!“

Denn inzwischen wachse jedes fünfte Kind in Deutschland in einer einkommensarmen Familie auf. Daran habe auch das von der Bundesregierung 2011 eingeführte Bildungs- und Teilhabepaket nichts ändern können.

Hensel: „Die Notwendigkeit, nach 2012 erneut einen Schattenbericht veröffentlichen zu müssen, zeigt, dass Armut und soziale Ausgrenzung von der Politik als fast schon unabänderlich hingenommen werden.“

Der Schattenbericht, der als Sonderausgabe der Berliner Obdachlosenzeitung „Strassenfeger“ erscheint, lässt Betroffene zu Wort kommen, aber auch Armutsforscher und Personen, die im Umgang mit Armen erfahren sind, wie den neuen Berliner Erzbischof Dr. Heiner Koch.

Der Sprecher der nak warnte vor der Bundespressekonferenz zudem vor einem Anstieg der Altersarmut. „Bis zum Jahr 2030 wird – so politisch entschieden – das Rentenniveau auf 43 Prozent sinken. Die Folge wird sein, dass die Anzahl der Rentnerinnen und Rentner, die auf Grundsicherung im Alter angewiesen sind, deutlich steigt.“ Schon jetzt sei der Anstieg enorm: 2003, so Hensel, waren 250.000 Seniorinnen und Senioren auf Sozialleistungen angewiesen, mittlerweile sind es längst doppelt so viele.

Besonders hoch ist das Armutsrisiko bei Alleinerziehenden. Schon heute leben fast 40 Prozent aller Alleinerziehenden von Hartz IV – mit gravierenden Folgen für Kinder, so Prof. Dr. Anne Lenze von der Hochschule Darmstadt: „Von den 1,89 Millionen Kindern und Jugendlichen im Hartz-IV-Bezug leben mehr als die Hälfte in Alleinerziehenden- Haushalten. Kinderarmut ist damit zur Hälfte auf die Armut von Alleinerziehenden zurückzuführen.“

Prof. Lenze kritisierte vor allem, dass die Kombination von Sozialleistungen, die helfen soll, ohne Hartz IV auszukommen, bei Alleinerziehenden ins Leere laufe. Sie forderte, den Unterhaltsvorschuss unbegrenzt zu gewähren und die besonderen Belastungen des Alleinerziehens gerade in prekären Einkommenslagen zu berücksichtigen.

Wie stark die Armut in Deutschland zunimmt, zeige sich auch an der Zahl der Wohnungslosen, sagte Werena Rosenke, Vize-Sprecherin der nak und stellvertretende Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe. „2014 waren in Deutschland 335.000 Menschen ohne Wohnung, 18 Prozent mehr als 2012.“ Ursache sei auch der Verkauf von Sozialwohnungen an private Investoren. „Seit 2002 gibt es eine Million Sozialwohnungen weniger. Anstelle einer sozialen Wohnungspolitik wurde die Wohnung als Ware begriffen und dem Spiel des freien Marktes überlassen.“ Rosenke forderte eine drastische Erhöhung der Mittel für den Sozialen Wohnungsbau. „Wir brauchen jedes Jahr 150.000 neue Wohnungen für einkommensschwache Menschen.“

 

Den Schattenbericht finden Sie hier und unter www.caritasnet.de

 

Pressekontakt:
Markus Harmann
c/o Diözesan-Caritasverband
für das Erzbistum Köln
Georgstraße 7, 50676 Köln
Telefon 0221 2010-284
Telefax 0221 2010-130
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
www.nationalearmutskonferenz.de

 

PRESSEMITTEILUNG der BAG Wohnungslosenhilfe e.V.

Bundesregierung lehnt Wohnungsnotfallstatistik weiterhin ab

Berlin, 27.07.2015. Die Bundesregierung verweigert sich weiterhin der Einführung einer bundesweiten Wohnungsnotfallstatistik, die Umfang und Entwicklung der Räumungsklagen und Wohnungslosigkeit abbilden soll. Dabei wird eine solche Statistik von der gesamten Fachwelt seit mehr als dreißig Jahren gefordert.

Dies erklärte die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W), der Dachverband der Wohnungslosenhilfe, anlässlich der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Bundestagsfraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN (BT-Drucksache 18/5345), die uns vorab vorliegt.

Bund hat Pflicht zur gesetzlichen bundesweiten Wohnungsnotfallstatistik

In ihrer Antwort auf die Kleine Anfrage der Bundestagsfraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN  verweist die Bundesregierung einmal mehr auf die Nicht-Zuständigkeit des Bundes und sieht einzig die Länder und Kommunen in der Pflicht, die notwendigen Daten zu erheben. Demgegenüber stellt die BAG W klar, dass der Bund für zunehmende Wohnungsnot und Wohnungslosigkeit maßgeblich mitverantwortlich ist. Schließlich bestimmt er mit den Sozialgesetzbüchern II („Hartz IV“) und SGB XII (Sozialhilfe) über den Regelsatz sowie mit der absehbaren Verteuerung der Wohnkosten durch die Energiewende als Gesetzgeber die Rahmenbedingungen des Wohnungsmarktes entscheidend mit. Auch wenn im Rahmen der Föderalismusreform die Zuständigkeit in der Wohnungspolitik vom Bund auf die Länder verlagert wurde, kann daraus keinesfalls eine Nicht-Zuständigkeit für Bundesstatistiken abgeleitet werden. Im Gegenteil: Nur der Bund ist in der Lage, für bundeseinheitliche und vergleichbare Statistiken im gesamten Bundesgebiet zu sorgen. „Angesichts einer weiter steigenden Wohnungsnot, einer wachsenden Zahl von Räumungsklagen bedrohter Familien und immer mehr wohnungslosen jungen Menschen ist die Haltung der Bundesregierung in dieser Frage nicht nachvollziehbar“, so Thomas Specht, Geschäftsführer der BAG W.

Die seit dem 1.11.2011 erneuerte landesweite Wohnungsnotfallstatistik des Landes Nordrhein-Westfalen zeigt, dass auch eine bundesweite Wohnungsnotfallstatistik möglich ist. Dennoch verweist die Bundesregierung unter dem Vorwand der verfassungsrechtlichen Zuständigkeitsverteilung nur auf die Bundesländer. Wie aber die Bundesregierung ohne ein Rahmengesetz, wie die BAG W es fordert, eine bundeseinheitliche Statistik der Bundesländer garantieren möchte, bleibt ihr Geheimnis. „Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass bereits innerhalb eines Landkreises oder eines Regierungsbezirkes die wenigen verfügbaren Zahlen oft nicht vergleichbar sind. In vielen Gemeinden und Kommunen fehlen aussagekräftige Zahlen sogar völlig“, so Specht.

Eine bundesweite Wohnungsnotfallstatistik ist sehr wohl möglich

Die Bundesregierung behauptet weiterhin, die Mitte der 1990er Jahre vom Statistischen Bundesamt erstellte Machbarkeitsstudie zum Umfang der Wohnungsnotfälle in Deutschland sei zu dem Ergebnis gekommen, dass die Einführung einer bundesweiten Wohnungsnotfallstatistik kaum realisierbar und in ihrer Aussagekraft begrenzt sei. Demgegenüber muss festgestellt werden, dass die Studie zu dem gegenteiligen Ergebnis kam: Eine solche Statistik ist durchführbar!

„Die Antwort der Bundesregierung verschweigt, dass sehr wohl mindestens 90 % der wohnungslosen Menschen und vermutlich auch nahezu alle der aufgrund von Mietrückständen von Räumungsklagen Betroffenen erfasst werden. Da rund 80 % der Räumungsbeklagten wegen Mietrückständen geräumt werden, haben wir auch bei den bedrohten Wohnverhältnissen eine sehr gute Erfassung“, so Specht. „Es handelt sich also um ein unhaltbares Argument der Bundesregierung, das der Logik folgt: weil wir nicht alle zählen können, zählen wir am besten keinen.“

Zusammenhang von Wohnungsnot und Wohnungslosigkeit belegt

Der Auffassung der Bundesregierung, dass Wohnungslosigkeit heute nicht mehr in erster Linie auf einem Fehlbestand an Wohnungen, sondern vielmehr auf einer Reihe individueller, psycho-sozialer Ursachen beruhe, weist die BAG W entschieden als unhaltbar zurück: „Die Entwicklungen am Wohnungsmarkt, und hier besonders die schnell steigende Preise für Mietwohnungen bei einer gleichzeitigen Zunahme der Haushalte mit Niedrigeinkommen ist eindeutig der entscheidende Treiber für zunehmende Wohnungslosigkeit und Wohnungsnot“, so Specht. „Die zunehmende Verarmung immer breiterer Bevölkerungsschichten und der extrem angespannte Wohnungsmarkt sind hauptsächlich für den massiven Anstieg der Wohnungslosigkeit verantwortlich.“

Bis zum Jahr 2017 werden in Deutschland über 800.000 Mietwohnungen, insbesondere in Ballungszentren, Groß- und Universitätsstädten fehlen, wenn nichts getan wird – so der Deutsche Mieterbund. Da diese fehlenden Wohnungen nicht über Nacht gebaut werden  können, zumal der soziale Wohnungsbau praktisch abgeschafft worden ist, werden sich Wohnungsnot und Wohnungslosigkeit weiter verschärfen. Die BAG W prognostiziert daher einen Anstieg der Wohnungslosenzahlen auf 380.000 (+33 % gegenüber 2012) bis zum Jahr 2016.

Für weitere Rückfragen stehen Ihnen gerne zur Verfügung:

Dr. Thomas Specht, Geschäftsführer BAG W, (030) 28 44 537 - 15 / mobil 0151 - 25250211, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder

Dr. Rolf Jordan, Fachreferent der BAG W (030) 28 44 537 - 12, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

Auf dem Evangelischem Kirchentag in Stuttgart 2015 waren Vertreter des Armutsnetzwerk e. V., eines bundesweit tätigen Vereins, der sich für Menschen, die von Armut und Ausgrenzung betroffen sind, einsetzt, und die Selbsthifegruppe Sucht des Blauen Kreuzes aus Sulingen mit einem eigenen Stand auf dem "Markt der Möglichkeiten" vertreten.

Hochsommerlicher Temperaturen verlangten den Teilnehmern einiges ab. Für alle war es ein beeindruckendes Erlebnis mit tausenden von Menschen gleicher Gesinnung zusammenzutreffen und sich gedanklich auszutauschen. Der Gemeinschaftstand der beiden Gruppen regte das Interesse vieler Besucher an.

Viele Besucher waren interessiert an den Zielen und Aktivitäten des Armutsnetzwerks, das seinen Ursprung hier in Sulingen hat. Die Vielfältigkeit der Armutsproblematik beeindruckte. Wohnungslosigkeit, Arbeitslosigkeit, Kinderarmut, Altersarmut, geringe Bildungschancen und andere präkere Verhältnisse berühren eigentlich jeden. So wurde die Frage gestellt: "Was fällt Ihnen zur Armut ein?", und in einer Notiz an einer Pinnwand angeheftet. Es gab die unterschiedlichsten Aussagen; logisch bei einer solchen Problemstellung. Intensive Gespräche führten zu neuen Kontakten, die sicher in der zukünftigen Arbeit inspirierend auswirken werden.

Wichtig war allen Teilnehmern die Frage der Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben von Menschen, die auf Grund ihrer finanziellen Situation ausgegrenzt wurden. Die Kulturloge Sulingen ist ein Teil der bundesweiten  Kulturlogen-Bewegung  und  lädt  seit einigen Jahren die Menschen mit geringem Einkommen zu Besuchen von kulturellen Veranstaltungen ein. Innerhalb des Netzwerks präsentierte sich  auch der Bundesverband Deutsche Kulturloge e.V., die Vorsitzende, Hilde Rektorschek unterstützte unseren Stand an allen Tagen  und war mit den Besuchern in einem ständigen Austausch. Sie war gerne mit dabei und sagte: „ Der Kirchentag in Stuttgart hat  gezeigt, dass die Menschen zur Armut eine Haltung haben. Ich  danken für die guten Gespräche, die ich  mit nach Hause genommen habe.“
 

Besondere Anziehungskraft fand im Bereich der Suchtpräventation die neu entstandene Initiative "MiBKE" (Motorradfahren im Blauen Kreuz"). So zu sagen: "Byker ohne Alkohol". Eine ganz andere Art, dem Hobby "Motorradfahren" zu fröhnen. Das war ein Renner.

Für alle unsere Teilnehmer waren es anstrengende erlebnisreiche Tage, die wir aus eigener Kraft gar nicht hätten bewerkstelligen können.

Wir möchten uns besonders beim Diakonischen Werk evangelischer Kirchen in Niedersachsen e.V. für die großzügige finanzielle Unterstützung bedanken. Auch die Firmen Rohlfing, Malerbetrieb, die Schröder GmbH & Co KG, Bruns Elektrotechnik GmbH & Co KG und Lübbering - Bestattungen GbR sind hier positiv zu erwähnen. Besonderen Dank unsrem Pastor Herrn Schafmeyer für seine Unterstützung. Leider hat es die Stadt Sulingen trotz Anfrage nicht verstanden, sich einem solchem wichtigem gesellschaftlichem Anlass zu widmen.