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Bahnhof Zoo, mein Zug fährt ein,
ich steig aus, gut wieder da zu sein.
Zur U-Bahn runter, am Alkohol vorbei,
Richtung Kreuzberg, die Fahrt ist frei.
Verdammt lange her ist das, Ideal, das Lebensgefühl einer Stadt, Nina Hagen, Spliff, David Bowie, viel länger zurück reicht meine persönliche Erinnerung nicht mehr.
Berlin war quer. Deshalb kamen die Menschen in die Stadt. Heute: Punks, Junkies, Penner, Irre – sie nehmen zu – die Menschen rümpfen die Nase. Widerstand bei denen, die mit Widerstand stets in homöopathischen Dosierungen umgehen. Aber, sie nehmen zu. Der Verlust einer Lebenskultur.

Berlin war schon immer das Mekka der Glücksritter, der Abgedrehten, der Verwirrten und Verirrten, war nie so gemütlich wie Eutin oder Heidelberg, war immer rauer und ruppig.
Das merkte ich, als ich 1975 als Landei nach Berlin kam und – ich verliebte mich in die Stadt, die Leute, die Umstände. Arm aber sexy, schon damals. Ich durfte anders sein, in Altenholz bei Kiel hätte ich resigniert.
Ja, es ist richtig, die Armut nimmt zu, scheint zu explodieren, auch richtig, sie wird sichtbarer, die Menschen verstecken sich nicht mehr, tragen ihre Hilflosigkeit offener zur Schau.
Am Bahnhof ZooDie ganzen Flaschensammler, die Murmler mit ihren Monologen, die Balletttänzer in unseren Straßen, die Bettler, die wohnungslosen Menschen, die offen in Parkanlagen sterben, die Nichtwartezimmertauglichen, sie fordern uns heraus, jeden Tag, zwingen uns, Stellung zu beziehen. Man kann sie nicht mehr ausblenden, das Wegschauen wird zur Kraftanstrengung. Und uns selbst geht es auch nicht jeden Tag gut, manchmal möchten wir uns doch auch verkriechen. Der Platz ist dann aber schon belegt!
Wer feinfühlt, sie die Stummen. Sie sind eigentlich am Lautesten.
Die Bahnhofsmission Zoo hat Gäste aus 95 verschiedenen Ländern, jeden Tag 600, Arme und Wohnungslose, von den deutschen, wohnungslosen Gäste kommt die Mehrheit aus dem Bundesgebiet.
Auch das war wohl schon immer so. Falle ich in Mainz auf die Nase, versage, löst sich mein Geist auf – so möchte ich nicht, dass nahe Menschen, Freunde, Eltern, Mitschüler mir zuschauen. Ab nach Berlin, in den Dschungel, weil man sich dort gut verstecken kann, mir niemand beim Sterben mitleidig über die Schulter schaut.
Tut dann auch kaum jemand und so sterben viele immer öffentlicher, aber ohne Anteilnahme, am Rande des Randes.
Warum nimmt der Unmut aber gegen sie zu, nicht gegen die Umstände?
Zuwächse von 10-15% an hilfebedürftigen Menschen jährlich sind in vielen Einrichtungen an der Tagesordnung. Kürzungen, tschuldigung, man spricht von Abschmelzen der Leistungen, seit über 10 Jahren leider auch.
Bankenskandale wollen bezahlt werden, das merken u.a. auch Sozialeinrichtungen. Die Qualität Standards sinken. Man bekommt das nicht mehr „weggearbeitet“, Wohnungslosigkeit wird seltener aufgelöst, Verzweiflung auch nicht, es wird verwaltet, geregelt, das Sterben bekommt etwas bessere Qualitäten. Kaum jemand schaut genau hin, Menschen lösen sich auf. Höfliche Formulierung für Verfaulen.
Das alles wird zunehmen, die Kosten für gesellschaftliche Fehlplanungen lassen grüßen.
Es nimmt aber nicht zu, weil es so sein muss, sondern weil wir es so gestalten und zulassen.
Was auch wahr ist: mein Kühlschrank ist voll, ich gehe gerne zum Italiener, liebe Vitello Tonnato und trockenen Weißwein, liebe Butter Lindener, fahre 2 x im Jahr in Urlaub, erfreue mich guter Gesundheit, habe Arbeit, darf abgeben und teilen. Welch Vielfalt und Luxus.
Viele jammern auf sehr hohem Niveau.

Stepan* war immer einer der Ersten in der Warteschlange vor der Notübernachtung (NÜ) Lehrter Straße der Berliner Stadtmission. Sein Abend war strukturiert und immer dieselbe Abfolge. Als Erster hineingelassen werden, sein Essen abholen, auf seinen  Stammplatz gehen und dann schnell seinen Schlafplatz des Vorabends wieder ergattern.

St.Theresa Shelter der Caritas
St.Theresa Shelter der Caritas

Seit November 2013 kenne ich Stepan, da er regelmäßiger Gast der NÜ Lehrter Straße war. Er stammt aus Tschechien, ist Ende 30 und hoffte auf ein besseres Leben in Deutschland.

In seine abendliche Abfolge reihte sich nach kurzer Zeit auch eine tägliche Vorstellung bei unserem medizinischen Team ein. Es stellte sich heraus, dass seine offene Wunde am Bein ein Symptom der Autoimmunerkrankung Pyoderma gangraenosum ist. Das medizinische Team versuchte verschiedene Behandlungsmethoden. Durch eine bestimmte Behandlung wurde auch eine Verbesserung sichtbar, jedoch konnte diese Behandlung nicht fortgeführt werden, da diese bei einem Leben auf der Straße zu gefährlich ist. Eine stationäre Behandlung war in Deutschland aus verschiedenen Gründen nicht möglich, wie beispielsweise der fehlenden Krankenversicherung. Des Weiteren wiesen Krankenhäuser auf eine gute Klinik in Prag hin. 

Im Mai 2014 begannen mein Kollege und ich im Rahmen des Projekts Mobile Einzelfallhilfe mit Stepan zu arbeiten. Zusammen mit einer Dolmetscherin besprachen wir mit Stepan die Möglichkeiten und wie wir Vorgehen würden. Er willigte ein und so begann die Arbeit.

Dieser Fall beanspruchte ein multiprofessionelles Team, da Stepans Erkrankung im Vordergrund stand. Zusammen mit dem Team der Ambulanz der Berliner Stadtmission besprachen wir das Ziel und das kommende Vorgehen. Zweimal in der Woche suchte Stepan für den Verbandswechsel sowie den Erhalt der notwendigen Medikamente die Ambulanz auf. Gleichzeitig schrieben wir verschiedene soziale Einrichtungen in Prag an, waren im Kontakt mit der tsch. Botschaft sowie Behörden in Tschechien. Der schriftliche wie auch der telefonische Austausch/ Anfragen waren langwierig  und teilweise ein mühsamer Prozess. Viele antworteten nicht, sahen keine Möglichkeiten in ihrer Einrichtung oder es führte in Sackgassen. Unseren ursprünglichen Plan Stepan direkt ins Krankenhaus zu bringen, mussten wir leider fallen lassen.

Während der gesamten Organisation konnten wir Stepan im Notfallzimmer des Übergangshauses der Stadtmission unterbringen, wofür wir und er sehr dankbar waren. Versorgt wurde er weiterhin von uns und der Ambulanz.

Stepans Schlafplatz
Stepans Schlafplatz

Schlussendlich, nach vielen Schriftwechseln/ Telefonaten , erst einer Ab- und dann einer Zusage, konnten wir Stepan an das ST. Theresa Shelter der Caritas in Prag vermitteln. Am 3. September begleitete ich Stepan nach Prag und konnte so in einen persönlichen Kontakt mit zwei Sozialarbeitern der Caritas treten. Dies war sehr hilfreich, um so den Hilfeplan und seinen Fall zu besprechen. Die Mitarbeiter_innen der Caritas waren sehr freundlich und hilfsbereit. Stepan ist nun vorläufig in einem Mehrbettzimmer untergebracht und wird von der Caritas in medizinischen und sozialen Belangen unterstützt. Die Beantragung von Sozialgeld wird nicht leicht werden und erfordert Geduld, da die Bearbeitung meist bis zu einen Monat dauert. Auch stehen wir und die Ambulanz weiterhin in Kontakt mit der Caritas und unterstützen solange es notwendig ist von Deutschland aus.

Stepan wurde während der Zugfahrt nach Prag immer aufgeregter und dies nicht aufgrund freudiger Erwartungen. Er ‚erzählte’ mir von Tschechien, von Fabriken die wir auf der Fahrt sahen, von seinem Weg nach Deutschland und über das Leben als Obdachloser in Tschechien. Es ist ein vorurteilbehaftetes und hürdenreiches Leben als Wohnungsloser in Tschechien - Betteln und auf der Straße oder in Parks zu schlafen ist in Prag verboten. Mir stellte sich die Frage, wo sollen Obdachlose hin? Wie können sie ihren Lebensunterhalt bestreiten, wenn sie keine Sozialleistung erhalten oder diese nicht ausreichen? Der Besuch in Prag war zugleich auch ein fachlicher Austausch mit Sozialarbeitern vor Ort. Auf meine Frage, was sie sich von ihrem Sozialsystem wünschen würden, kam prompt die Antwort von mehr oder überhaupt bezahlbarem Wohnraum (Sozialwohnungen).

Ich wünsche Stepan Kraft und Ausdauer für seinen weiteren Weg sowie ein stabiles und gesichertes Leben. Ich glaube, dass er in den Mitarbeiter_innen der Caritas schon einen guten Fels in der Brandung gefunden hat.

*Name geändert

KathiGuten Tag!
Der Normalfall für viele ist, die Beisetzung ist spärlich und oft steht kein Mensch am Grab.
Trost, wenn es gelegentlich auch anders gestaltet werden kann.
Einige Eindrücke zur gestrigen Beerdigung von Kathi B.

7:30Uhr: Die ersten Kollegen_innen fingen an Brötchen zu schmieren. Verdammt leckere, denn es war ein besonderer Tag. Um 13:00 Uhr fand in Tempelhof die Beisetzung von Kathi statt.
Kathi B., ja jeder kannte sie hier am Bahnhof Zoo.
„Mit 5 Jahren saß ich mit meinem Vater in der Küche, er trank ein Bier. Als ich meinen Finger hineinsteckte und lecker sagte, bot er mir ein Glas an. Mit 6 Jahren verbrachte ich dann regelmäßig meine Abende mit ihm biertrinkend in der Küche.“
Was für ein Start in ein junges Leben, wen wundert es, wenn diese Biographie holprig weiter geht und kein Happy End findet?!
Mit 13 Jahren lebte sie dann auf der Straße; immerhin begann sie später ein Medizinstudium, welches sie aber abbrach. Die Jahre als Busfahrerin im Fernverkehr quer durch Europa waren gute Jahre. Der Alkohol gewann Überhand, wir kannten sie als unseren wohnungslosen Gast.
Als einen sehr netten Menschen, freundlich, hilfsbereit, gelegentlich, ich sage das in Liebe, war sie aber auch nervend und auch schwierig.
Kathi, viel hatte sie nicht, aber Würde und Charme, konnte Menschen vereinnahmen, binden, konnte Herzen öffnen.

Schön, deshalb kamen viele: Weggefährten, Praktikanten, Ehrenamtliche und hauptamtliche Kollegen der Bahnhofsmission, Kollegen aus andern Projekten, der Notübernachtung der Berliner Stadtmission, unsere Kältebusfahrerin, Journalisten kamen privat, einfach viele gute Freunde. Wir hatten einen Sonderbus der BVG gechartert, um 12:00 Uhr ging es los, natürlich war die Stimmung belegt. Das Wetter war freundlich, als ob die Sonne auch etwas für Kathi strahlte.
Das war bewegend an der Grabstelle, manche beteten, andere verabschiedeten sich mit einer Flasche Bier, einem Kartenspiel, dem Herthaschal von Kathi.
BeisetzungWow, 70 Trauergäste nahmen auf dem Friedhof Abschied. Stadtmissionsdirektor Hans-Georg Filker fand die passenden Worte, bei "With a little help from my friends" wippten einige Gäste verhalten mit. Hätte Kathi vermutlich gefallen; vielleicht ja auch Trude Herr mit "Niemals geht man so ganz", dann als Abschiedssong in der Bahnhofsmission. Viel Raum für respektvolles Gedenken, viele ruhige Gespräche über sie.
„Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält“ stammt aus dem Vorwort zu „Mein Name sei Gantenbein“. Hatte ich als 15 Jähriger gelesen, hätte ich mir sicher nicht gemerkt, wenn das nicht auch etwas für mich an Wirklichkeit im Leben hat.
Kathi – und das wissen wir – hat sich ihre Geschichte erfunden, die Wirklichkeit ist etwas blasser, vom Wesen her aber noch einsamer und trauriger.
Was wir vermuten, wir unterbreiteten ihr viele Hilfsangebote, wohl mehr als anderen, sie wollte hier nicht weg vom Zoo. Weil das ihr Platz war und der richtige Platz ist wichtig im Leben, manchmal wichtiger als eine Wohnung – und weil sie hier die Queen war.
Davon gab es nur eine!

Und nun hängt auch für Kathi an unseren Abschiedsbaum vor der Tür ein kleines Bändchen, neben Jannek und Klaus.
Die waren schon im Leben eine gute Gang.
Mach es gut - Kathi!

Der Kostenvoranschlag eines Sicherheitsunternehmens geht davon aus, ein Wachdienst würde 1000.- pro Tag kosten = 365 000.- pro Jahr (3 Personen x 3 Schichten pro Tag).
Als ich heute diese Summe erfuhr, fing ich an zu weinen.

80 000.- jährlich kostet der Unterhalt eines Hygienecontainers, mit Duschen, Toiletten, Waschmaschine und Trockner, Reinigung und Aufsicht, Friseurangebot, Fußpflege für 75 jährige, hilflose, wohnungslose Menschen – für den Rest könnten 6 Streetworker eingestellt werden, die dann nachhaltig mit den Menschen arbeiten könnten.
Wir wissen, man kann wohnungslosen Menschen helfen, wenn man genügend Fachpersonal mit entsprechenden Zeitressourcen hat.

Kalle würde nicht von A nach B verdrängt werden müssen, wo dann ein neuer Sicherheitsdienst tätig werden würde.

Benötigen wir 1000.- für die Arbeit mit einem hilflosen Menschen, so ist dieses Geld nicht vorhanden.

Oh Welt, was bist du manchmal böse.

Verstehen werden Sie das alles, wenn Sie den Artikel lesen: Artikel in der MOZ