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Bernhard und Dieter und andere, Hoffnungen und Versagen, Irrungen, etwas Wahnsinn, Lücken im System und Mut zum Weitermachen 

von Dieter Puhl

Rückschau:

Meine Erinnerungen an ihn waren dünn, keine konkreten Fakten, eher Bilder. Die waren positiv, ein angenehmer Zeitgenosse, fair, freundlich, umgänglich, Kumpel, ein feiner Kerl.

Vor ca. 15 Jahren betreute ich ihn in der Wohnhilfe Chamissoplatz der Berliner Stadtmission in Kreuzberg. Sogenannte Resozialisierungsarbeit mit vielen obdachlosen Menschen, die kaum eine Erstsozialisierung genossen hatte.

Die Zusammenarbeit war wohl vermeintlich erfolgreich, Bernhard K. zog nach einem Jahr, mehr Zeit für eine sinnvolle Betreuung wollte der Kostenträger nicht bewilligen, in eine eigene Wohnung.

Alles gut, könnte man meinen.

Manchmal läuft das Leben wie in einem Film ab.

 Cut

 In den letzten Jahren lief mir Bernhard immer wieder über den Weg, mal traf ich ihn im Park, auf der Straße, in der U Bahn, später dann, seit knappen 6 Jahren arbeite ich in der Bahnhofsmission Zoo, dort. Erneut obdachlos. Kurze Gespräche, kurze Hilfsangebote, kurze Verständigungen, karge Kommunikation.

Er hielt sich, aber es ging ihm nicht gut. Man konnte das auch sehen.

Sein Anblick tat meinem Gewissen nicht gut – da ist aber genügend Platz für weitere 5000 – 6000 Menschen, die in Berlin obdachlos leben und von denen 5000 pro Jahr die Bahnhofsmission Zoo aufsuchen. Gut geht es nicht einem von ihnen. Ich halte mich durchaus nicht für einen Klotz – 5000 Lasten, Nöte, Schicksale erträgt mein Gewissen aber nicht.

Ich schaue nicht weg, manchmal nur vorbei.

weiterlesen

 Cut

 Immer wieder Bernhard:

Bahnhofsmission Zoo, vor 2 Wochen. Er saß, mehr er kauerte, auf der Straße, direkt vor der Tür und ich hatte ihn ca. 2 Jahre lang nicht gesehen und er sah aus wie Spucke. Körperlich angegriffen, versehrt, gealtert, sehr gebrechlich, vorbeischauen konnte ich nicht mehr, er hatte Schmerzen und das war deutlich zu sehen. 20 andere sitzen da auch immer, sehen nicht einen Deut besser aus und so dauerte es nur 2 Tage, bis ich ihn hereinbat.

„Er ist wohl etwas antriebsarm“, milde Beschreibung für eine ausgeprägte Depression, erinnerte ich mich – an eine der Beratungsstellen für obdachlose Menschen mochte ich ihn nicht vermitteln, wäre er dort doch nie angekommen. Wen es interessiert, an Depressionen und anderen Erkrankungen der Seele leiden fast alle Menschen, die diese Nacht im Freien schlafen müssen. „Mehrfachbeeinträchtigungen“ nennen das die Psychologen. Auftrag der Bahnhofsmission ist es aber, zu vermitteln, für mehr fehlen Fachpersonal und Zeit.

 Cut

 Rückschau:

 Meine Erinnerungen an ihn waren dünn, keine konkreten Fakten, eher Bilder. Die waren positiv, ein angenehmer Zeitgenosse, fair, freundlich, umgänglich, Kumpel, ein feiner Kerl.

Vor ca. 15 Jahren betreute ich ihn in der Wohnhilfe Chamissoplatz der Berliner Stadtmission in Kreuzberg. Sogenannte Resozialisierungsarbeit mit vielen obdachlosen Menschen, die kaum eine Erstsozialisierung genossen hatte.

Die Zusammenarbeit war wohl vermeintlich erfolgreich, Bernhard K. zog nach einem Jahr, mehr Zeit für eine sinnvolle Betreuung wollte der Kostenträger nicht bewilligen, in eine eigene Wohnung.

Alles gut, könnte man meinen.

Manchmal läuft das Leben wie in einem Film ab.

 Cut

 In den letzten Jahren lief mir Bernhard immer wieder über den Weg, mal traf ich ihn im Park, auf der Straße, in der U Bahn, später dann, seit knappen 6 Jahren arbeite ich in der Bahnhofsmission Zoo, dort. Erneut obdachlos. Kurze Gespräche, kurze Hilfsangebote, kurze Verständigungen, karge Kommunikation.

Er hielt sich, aber es ging ihm nicht gut. Man konnte das auch sehen.

Sein Anblick tat meinem Gewissen nicht gut – da ist aber genügend Platz für weitere 5000 – 6000 Menschen, die in Berlin obdachlos leben und von denen 5000 pro Jahr die Bahnhofsmission Zoo aufsuchen. Gut geht es nicht einem von ihnen. Ich halte mich durchaus nicht für einen Klotz – 5000 Lasten, Nöte, Schicksale erträgt mein Gewissen aber nicht.

Ich schaue nicht weg, manchmal nur vorbei.

 Cut

 Immer wieder Bernhard:

Bahnhofsmission Zoo, vor 2 Wochen. Er saß, mehr er kauerte, auf der Straße, direkt vor der Tür und ich hatte ihn ca. 2 Jahre lang nicht gesehen und er sah aus wie Spucke. Körperlich angegriffen, versehrt, gealtert, sehr gebrechlich, vorbeischauen konnte ich nicht mehr, er hatte Schmerzen und das war deutlich zu sehen. 20 andere sitzen da auch immer, sehen nicht einen Deut besser aus und so dauerte es nur 2 Tage, bis ich ihn hereinbat.

„Er ist wohl etwas antriebsarm“, milde Beschreibung für eine ausgeprägte Depression, erinnerte ich mich – an eine der Beratungsstellen für obdachlose Menschen mochte ich ihn nicht vermitteln, wäre er dort doch nie angekommen. Wen es interessiert, an Depressionen und anderen Erkrankungen der Seele leiden fast alle Menschen, die diese Nacht im Freien schlafen müssen. „Mehrfachbeeinträchtigungen“ nennen das die Psychologen. Auftrag der Bahnhofsmission ist es aber, zu vermitteln, für mehr fehlen Fachpersonal und Zeit.

 Cut

 Vor gut 2 Jahren, wir wollten vor dem Elend und dem brutalen, sinnlosen Sterben direkt vor unserer Tür und in der gesamten Stadt nicht weiter einknicken, wollten bei Trauerfeiern nicht immer Abschied nehmen, an unserem Baum für verstorbene obdachlose Menschen, direkt vor unserem Eingang, nicht ein erneutes Abschiedsbändchen anbringen, nicht wieder einen Leichenschmaus für überlebende Freunde ausrichten, bloß nicht wieder die Beatles mit „With a little help from my friends“ hören – gründeten wir das Projekt der Mobilen Einzelfallhelfer, um mit einem hohen Zeitkontingent für einige Wenige, aber immerhin, dieses Verrecken zu verhindern. 2 Kolleginnen und 1 Kollege, jeder von ihnen lediglich mit einer Halbtagsstelle, aber mit Herz, Fachlichkeit, Empathie und ungeheurem Einsatzwillen, ausgestattet, stemmen sich nun entgegen.

Freunde haben das ermöglicht, arbeiten praktisch mit, geben sich ein, netzwerken und begleiten, haben zwischenzeitlich auch noch geholfen, andere Lücken im Hilfesystem zu schließen; unser Träger, die Berliner Stadtmission konnte so ein Medizinisches Zentrum für obdachlose Menschen gründen, jüngst sogar ein wichtiges Beratungsangebot für Menschen wie du und ich in Krisen in der Bahnhofsmission am Hautbahnhof.

Die Deutsche Bahn Stiftung setzt sich für die Nicht-Wartezimmer-Tauglichen ein, das berührt uns, auch  Einzelpersonen unterstützen überschaubar, das nachhaltige Versorgen und Andocken eines total fertigen obdachlosen Menschen kostet nur 2 000.-

Hoffnungsschimmer, Rettungsanker –danke!

 Cut

 Bernhard zog in die Bahnhofsmission Zoo, die dafür gar nicht gedacht und ausgestattet ist. Dort gibt es 9 Notbetten, für reisende Menschen, die in Not geraten sind, für Berlintouristen, denen die Geldbörse geklaut wurde, Scheckkarte weg, Reisepass auch und du kommst aus Südafrika oder Eckernförde. Das ist aber eine andere Geschichte.

Zu welchen Notlösungen greifst du aber, wenn es keinen gesellschaftlichen Plan A, keine Krankenstation für obdachlose Menschen in Berlin gibt?

Und es sind sehr viele krank, 40% sind dringend behandlungsbedürftig.

Sie sterben im Durchschnitt 30 Jahre eher als der Rest der Bevölkerung.

Eine Krankenstation für Obdachlose gab es mal vor Jahren bei der Berliner Stadtmission, mit 20 Plätzen, sehr segensreich für die Betroffenen, denn wo legst du dich nieder, wenn du ausgezehrt, schlapp, krank, erkältet mit 40 Grad Fieber, bist, wenn du einfach in einem sauberen Bett sterben möchtest?

Es waren wohl 270 000.- jährliches Defizit, weil niemand das ausreichend unterstützte, die uns veranlassten, das Projekt zu schließen. Nach Jahren im horrenden Minusbereich.

 Cut

 Er hatte keinen Ausweis, er hatte von Allem nichts und es ist Fleißarbeit, erfordert Fingerspitzengefühl, immerhin muss Vertrauen wachsen, es ist Tüftelei, du brauchst dafür sehr viel Zeit – etliches wurde in die Wege geleitet, Papiere wurde besorgt, bearbeitet, Wege gemeinsam begangen.

Unsere Mobilen Einzelfallhelfer waren am Ball, besser, Bernhard sehr nahe.

Nur – er sah einfach nicht besser aus – noch immer wie nicht mehr richtig in dieser Welt – krümmte sich gelegentlich vor Schmerzen.

„Ich mache einen kalten Entzug“, antwortete er, wenn ich ihn ansprach, kein leichtes, sogar ein gefährliches Unterfangen für einen alkoholerkrankten Menschen. Aber Bernhard machte das erfolgreich. Er blieb trocken! Wir stellten ihn dabei einer Ambulanz vor. Blutdruck und die anderen Werte schienen okay zu sein.

Dieser Entzug dauert aber nicht ewig.

 Cut

 Gestern hatte ich einen Tag ohne Verabredungen, keinen Termin im Kalender, das kommt selten vor, ich genoss das. Plaudern mit etlichen Menschen, wenn man denn Zeit hat, das kann durchaus sehr sinnig sein. Und so stand ich rauchend vor der Tür und mit vielen gab es Vieles zu besprechen.

Und dann wieder Bernhard, aus den Augenwinkeln, er stand gekrümmt vor unserem Fenster und er sah wieder oder noch immer nicht gut aus.

„Ich hatte die Faxen dicke“ und ich hatte gestern Zeit und ich konnte mich nicht rausmogeln, delegieren und ich hatte das Gefühl, ich bin gefordert.

Schön, wenn man sich gut kennt, unsere Arztambulanz hatte noch einen Termin frei (oder kam mir kollegial entgegen – danke), wir setzten uns ins Auto und fuhren los.

Die Wartezeit bei der Ärztin war gering, in das Behandlungszimmer wollte ich nicht, das war mir zu intim.

Vor der Tür kamen mir in der nächsten Stunde schon Zweifel, war Bernd gemessen an den anderen wirklich ein „Notfall“?

Ich bin recht routiniert und erfahren – Hilfe – das war heftig, was ich da sah: Verirrte, Gezeichnete, Verpeilte (Menschen die auf einer anderen Frequenz senden), Not, Hilfeschreie – und ich mit Bernhard, im Vergleich zu den anderen sah er wie ein Durchstarter aus.

„Vitalwerte gut, Lunge rasselt etwas, vermutlich eine Herzinsuffizienz, achtet darauf, sollte sich das verschlimmern sofort die 112 anrufen, die Viecher haben wir beseitigt, desinfiziere bitte Auto und Bett , hier die Mittel dazu, aber gut lüften,“ lautete sie klare und freundliche Ansage der Ärztin. „Blutwerte schicken wir ein.“

Wir waren beruhigt, ab zur Bahnhofsmission, Bernd freute sich auf sein Essen.

 Cut

 Um 17.40 rief mich unsere Ärztin an, die genommenen Blutwerte seien extrem besorgniserregend, der Hämoglobienwert liege bei 3,5 (normal bei Männern = 14-17 / Blutarmut bei < 13, gefährlich ab < 5, es bestünde die Gefahr von Einblutungen, es werde kritisch, wenn das Gehirn nicht mehr versorgt werde).

Okay – dann  bleibt nur die 112 und der Rettungswagen kam dann auch mit Blaulicht.

„Aber lass dich nicht abwimmeln“, lautete der letzte Ratschlag unserer Ärztin.

Alle relevanten Angaben wurden dann von mir den Fahrern des Rettungswagens mitgeteilt, auch die Telefonnummer unserer Ärztin für eventuelle Rückfragen.

Ich habe Bernd, er war verunsichert, ängstlich, nicht mitgeteilt, dass er vielleicht gerade innerlich verblutet.

Blickte dem Krankentransport hoffnungsvoll hinterher.

 Cut

 Um 21.40 erreichte mich der Anruf unserer Schichtleitung in der Bahnhofsmission Zoo. Bernd war aus der Klinik entlassen worden. Oder hatte die Klinik auf eigenen Wunsch entlassen? Ratlosigkeit bei uns, totale Verwunderung. Irrsinn. Was war los? Wieder war er in der Bahnhofsmission – skurriler Heimathafen.

 Cut

 Ein Anruf im Krankenhaus ergab, dem Krankenhaus und dem Arzt sind leider keine der relevanten Daten, die akute Lebensgefährdung, durch den Krankentransport weiter gegeben worden, auch nicht die Telefonnummer der zuvor behandelnden Ärztin.  Bernhard wurde im Krankenhaus untersucht, es sei nichts festgestellt worden, somit wurde er entlassen.

Nachdem der Sachverhalt nun richtig gestellt war, bat uns die Klinik, Ihn doch bitte wieder in das Krankenhaus zu schaffen, was meine Kollegin, sie hatte schon lange Feierabend, denn auch machte.

 Nachbetrachtung

 Leider empört uns nichts in der vorliegenden Beschreibung wirklich, reiht es sich doch ein in eine unendliche Kette, wenn es um die medizinische Versorgung obdachloser Menschen in Berlin geht.

Wir wünschen Bernhard alles Gute, werden ihn auch gerne heute im Krankenhaus besuchen, uns um ihn kümmern.

Haben nur Angst, er könnte heute bereits wieder entlassen sein.

 Abspann

 Bahnhofsmission Zoo – Ein Stück Himmel am Bahnhof

or gut 2 Jahren, wir wollten vor dem Elend und dem brutalen, sinnlosen Sterben direkt vor unserer Tür und in der gesamten Stadt nicht weiter einknicken, wollten bei Trauerfeiern nicht immer Abschied nehmen, an unserem Baum für verstorbene obdachlose Menschen, direkt vor unserem Eingang, nicht ein erneutes Abschiedsbändchen anbringen, nicht wieder einen Leichenschmaus für überlebende Freunde ausrichten, bloß nicht wieder die Beatles mit „With a little help from my friends“ hören – gründeten wir das Projekt der Mobilen Einzelfallhelfer, um mit einem hohen Zeitkontingent für einige Wenige, aber immerhin, dieses Verrecken zu verhindern. 2 Kolleginnen und 1 Kollege, jeder von ihnen lediglich mit einer Halbtagsstelle, aber mit Herz, Fachlichkeit, Empathie und ungeheurem Einsatzwillen, ausgestattet, stemmen sich nun entgegen.

Freunde haben das ermöglicht, arbeiten praktisch mit, geben sich ein, netzwerken und begleiten, haben zwischenzeitlich auch noch geholfen, andere Lücken im Hilfesystem zu schließen; unser Träger, die Berliner Stadtmission konnte so ein Medizinisches Zentrum für obdachlose Menschen gründen, jüngst sogar ein wichtiges Beratungsangebot für Menschen wie du und ich in Krisen in der Bahnhofsmission am Hautbahnhof.

Die Deutsche Bahn Stiftung setzt sich für die Nicht-Wartezimmer-Tauglichen ein, das berührt uns, auch  Einzelpersonen unterstützen überschaubar, das nachhaltige Versorgen und Andocken eines total fertigen obdachlosen Menschen kostet nur 2 000.-

Hoffnungsschimmer, Rettungsanker –danke!

 Cut

 Bernhard zog in die Bahnhofsmission Zoo, die dafür gar nicht gedacht und ausgestattet ist. Dort gibt es 9 Notbetten, für reisende Menschen, die in Not geraten sind, für Berlintouristen, denen die Geldbörse geklaut wurde, Scheckkarte weg, Reisepass auch und du kommst aus Südafrika oder Eckernförde. Das ist aber eine andere Geschichte.

Zu welchen Notlösungen greifst du aber, wenn es keinen gesellschaftlichen Plan A, keine Krankenstation für obdachlose Menschen in Berlin gibt?

Und es sind sehr viele krank, 40% sind dringend behandlungsbedürftig.

Sie sterben im Durchschnitt 30 Jahre eher als der Rest der Bevölkerung.

Eine Krankenstation für Obdachlose gab es mal vor Jahren bei der Berliner Stadtmission, mit 20 Plätzen, sehr segensreich für die Betroffenen, denn wo legst du dich nieder, wenn du ausgezehrt, schlapp, krank, erkältet mit 40 Grad Fieber, bist, wenn du einfach in einem sauberen Bett sterben möchtest?

Es waren wohl 270 000.- jährliches Defizit, weil niemand das ausreichend unterstützte, die uns veranlassten, das Projekt zu schließen. Nach Jahren im horrenden Minusbereich.

 Cut

 Er hatte keinen Ausweis, er hatte von Allem nichts und es ist Fleißarbeit, erfordert Fingerspitzengefühl, immerhin muss Vertrauen wachsen, es ist Tüftelei, du brauchst dafür sehr viel Zeit – etliches wurde in die Wege geleitet, Papiere wurde besorgt, bearbeitet, Wege gemeinsam begangen.

Unsere Mobilen Einzelfallhelfer waren am Ball, besser, Bernhard sehr nahe.

Nur – er sah einfach nicht besser aus – noch immer wie nicht mehr richtig in dieser Welt – krümmte sich gelegentlich vor Schmerzen.

„Ich mache einen kalten Entzug“, antwortete er, wenn ich ihn ansprach, kein leichtes, sogar ein gefährliches Unterfangen für einen alkoholerkrankten Menschen. Aber Bernhard machte das erfolgreich. Er blieb trocken! Wir stellten ihn dabei einer Ambulanz vor. Blutdruck und die anderen Werte schienen okay zu sein.

Dieser Entzug dauert aber nicht ewig.

 Cut

 Gestern hatte ich einen Tag ohne Verabredungen, keinen Termin im Kalender, das kommt selten vor, ich genoss das. Plaudern mit etlichen Menschen, wenn man denn Zeit hat, das kann durchaus sehr sinnig sein. Und so stand ich rauchend vor der Tür und mit vielen gab es Vieles zu besprechen.

Und dann wieder Bernhard, aus den Augenwinkeln, er stand gekrümmt vor unserem Fenster und er sah wieder oder noch immer nicht gut aus.

„Ich hatte die Faxen dicke“ und ich hatte gestern Zeit und ich konnte mich nicht rausmogeln, delegieren und ich hatte das Gefühl, ich bin gefordert.

Schön, wenn man sich gut kennt, unsere Arztambulanz hatte noch einen Termin frei (oder kam mir kollegial entgegen – danke), wir setzten uns ins Auto und fuhren los.

Die Wartezeit bei der Ärztin war gering, in das Behandlungszimmer wollte ich nicht, das war mir zu intim.

Vor der Tür kamen mir in der nächsten Stunde schon Zweifel, war Bernd gemessen an den anderen wirklich ein „Notfall“?

Ich bin recht routiniert und erfahren – Hilfe – das war heftig, was ich da sah: Verirrte, Gezeichnete, Verpeilte (Menschen die auf einer anderen Frequenz senden), Not, Hilfeschreie – und ich mit Bernhard, im Vergleich zu den anderen sah er wie ein Durchstarter aus.

„Vitalwerte gut, Lunge rasselt etwas, vermutlich eine Herzinsuffizienz, achtet darauf, sollte sich das verschlimmern sofort die 112 anrufen, die Viecher haben wir beseitigt, desinfiziere bitte Auto und Bett , hier die Mittel dazu, aber gut lüften,“ lautete sie klare und freundliche Ansage der Ärztin. „Blutwerte schicken wir ein.“

Wir waren beruhigt, ab zur Bahnhofsmission, Bernd freute sich auf sein Essen.

 Cut

 Um 17.40 rief mich unsere Ärztin an, die genommenen Blutwerte seien extrem besorgniserregend, der Hämoglobienwert liege bei 3,5 (normal bei Männern = 14-17 / Blutarmut bei < 13, gefährlich ab < 5, es bestünde die Gefahr von Einblutungen, es werde kritisch, wenn das Gehirn nicht mehr versorgt werde).

Okay – dann  bleibt nur die 112 und der Rettungswagen kam dann auch mit Blaulicht.

„Aber lass dich nicht abwimmeln“, lautete der letzte Ratschlag unserer Ärztin.

Alle relevanten Angaben wurden dann von mir den Fahrern des Rettungswagens mitgeteilt, auch die Telefonnummer unserer Ärztin für eventuelle Rückfragen.

Ich habe Bernd, er war verunsichert, ängstlich, nicht mitgeteilt, dass er vielleicht gerade innerlich verblutet.

Blickte dem Krankentransport hoffnungsvoll hinterher.

 Cut

 Um 21.40 erreichte mich der Anruf unserer Schichtleitung in der Bahnhofsmission Zoo. Bernd war aus der Klinik entlassen worden. Oder hatte die Klinik auf eigenen Wunsch entlassen? Ratlosigkeit bei uns, totale Verwunderung. Irrsinn. Was war los? Wieder war er in der Bahnhofsmission – skurriler Heimathafen.

 Cut

 Ein Anruf im Krankenhaus ergab, dem Krankenhaus und dem Arzt sind leider keine der relevanten Daten, die akute Lebensgefährdung, durch den Krankentransport weiter gegeben worden, auch nicht die Telefonnummer der zuvor behandelnden Ärztin.  Bernhard wurde im Krankenhaus untersucht, es sei nichts festgestellt worden, somit wurde er entlassen.

Nachdem der Sachverhalt nun richtig gestellt war, bat uns die Klinik, Ihn doch bitte wieder in das Krankenhaus zu schaffen, was meine Kollegin, sie hatte schon lange Feierabend, denn auch machte.

 Nachbetrachtung

 Leider empört uns nichts in der vorliegenden Beschreibung wirklich, reiht es sich doch ein in eine unendliche Kette, wenn es um die medizinische Versorgung obdachloser Menschen in Berlin geht.

Wir wünschen Bernhard alles Gute, werden ihn auch gerne heute im Krankenhaus besuchen, uns um ihn kümmern.

Haben nur Angst, er könnte heute bereits wieder entlassen sein.

 Abspann

 Bahnhofsmission Zoo – Ein Stück Himmel am Bahnhof