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MEIN SCHWARZER KASPER

von Dieter Puhl
EINE FLÜCHTLINGSGESCHICHTE: am Anfang mochten ich ihn gar nicht, wir fanden dann aber doch noch zueinander…

 

Der Winter war einer, der den Namen verdient hatte, knackig, minus 25 Grad und der Schnee türmte sich zum Teil meterhoch auf unserem Grundstück und alle paar Stunden nahmen wir die Schaufeln, um die wichtigsten Wege von den Massen zu befreien.

Das Haus roch nach Pfefferkuchen, Mohnstollen und nach Äpfeln, mit ihnen und Lametta hatten meine Schwester,  sie war 7 Jahre älter, mein Vater und ich gerade den Weihnachtsbaum geschmückt.

Zwischenzeitlich bereitete meine Mutter in der Küche den Kartoffelsalat zu, waren es Wiener oder Frankfurter, die es später dazu gab?

Eine große Familie, lebten meine Oma und mein Onkel doch auch noch in dem Haus.

Lärchenweg 18 in Altenholz bei Kiel, Siedlung für Flüchtlinge, Menschen aus Ostpreußen, die der Krieg nach Schleswig Holstein gespült hatte, vor wenigen Jahren gebaut.

 

Heiligabend 1961 nun, ich war 4 Jahre jung und langsam warteten wir alle auf die Bescherung.

 

Bunte Teller mit Apfelsinen, die es damals nur zu Weihnachten gab, selbstgebackenen Keksen, Datteln und Feigen und Affenbrot, das immer in einem Paket aus Amerika lag, Freunde meiner Eltern waren dahin vor Jahren ausgewandert.

Weil es in Deutschland nicht genügend Arbeit gab.

Weihnachtslieder. Heilige Lieder. Und meine Oma hat dazu auf dem Kamm geblasen. Überspannt man einen mit Butterbrotpapier, kann man ihm tolle Töne entlocken.

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Ich war aufgeregt und übte noch mit meiner Schwester das Weihnachtsgedicht. Ich hatte immer meine Schwierigkeiten damit, während ihr das total leicht fiel. Streberin. Und wie immer ärgerte sie mich dabei.

 

Um 16.00 sollte die Bescherung sein und wie immer war mein Vater, nie habe ich sein Weihnachtsgedicht gehört, bei den Tieren im Stall als der Weihnachtsmann kam.

Den überspringe ich mal, immerhin habe ich das mit dem Gedicht ganz gut hinbekommen.

Die Geschenke packten wir später gemeinsam aus, alle nacheinander. Zuletzt ich.

An den Kaufmannsladen meiner Schwester erinnere ich mich gut und war gespannt, ob ich damit wohl später auch spielen dürfte. Durfte ich, aber immer war meine Schwester die Verkäuferin: „Wünschen sie noch etwas mehr?“

 

Dann, endlich, durfte ich meine Päckchen auspacken, hatte mir ein Puppentheater ausgesucht.

Hossa – mein Wunsch ging in Erfüllung – schon die Bühne war großartig – toller Vorhang – großes Theater.

Dann das zweite Päckchen:

Das Krokodil sah furchterregend aus, giftgrün, weites Maul, spitze Zähne, ein Untier, wer sollte es mit ihm aufnehmen?

Sicher nicht der König, Herrscher, alt und weise, aber schwach. Hatte seine besten Jahre hinter sich. Vielleicht war er ja mal ein Drachentöter? Das war dann aber lange her.

Auch nicht die Großmutter, mit freundlicher Warze am Kinn, grauen Haaren, Dutt, lieb und etwas gebrechlich. Eine gute Geschichtenerzählerin.

Na ja, die Prinzessin war jung, hübsch, hochnäsig und verwöhnt.

Ich kam zu meinem letzten Päckchen, zum Retter, zu meinem Held, zu Kasper.

 

Ich kann meine Enttäuschung kaum in Worte fassen, meine Verzweiflung, mein Erstaunen:

Ein Schwarzer.

Nicht gebräunt oder dunkel, tiefschwarz, krause Haare, zu kräftige Lippen, sonderlich große Augen.

Was war los, was aus dem Ruder gelaufen?

Keine Zipfelmütze, keine große Nase, aber, das war das Wichtigste, er war nicht weiß.

Ich bekam kaum Luft, Tränen stiegen mir in die Augen.

„Umtauschen – will ich nicht!!!“

„Doch, das ist ein schwarzer Kasper.“

Traurigkeit schlug in Zorn um und dieser schwarze Mann flog im hohen Bogen durch das Zimmer.

Nicht mit mir!

Und so war der Heiligabend 1961 für mich dann wohl  gelaufen.

Vermutlich spielten meine Schwester und ich dann später noch mit dem Kaufmannsladen.

(Jahre später erklärten mir meine Eltern, Kasperfiguren waren ausverkauft, dieser Mohr war eine echte Notlösung.)

 

Groß war der Schrecken am nächsten Tag.

Der Teufel hatte das Zepter im Kinderzimmer übernommen, eine grauenvolle Herrschaft und Unterdrückung, das Krokodil war Erfüllungsgehilfe.

Großmutter, König und Prinzessin hatten dem nichts entgegenzusetzen, der Mohr lag sprachlos in der Ecke.

Und ich war 4.

Allein bekam ich das nicht hin, dafür war ich viel zu schwach.

Und so ging ich notgedrungen auf meinen Ersatzkasper zu, sprach er aber überhaupt deutsch?

Tat er, leidlich, nun war er aber verletzt, nicht äußerlich, den Sturz hatte er gut überstanden.

Fand mich aber ziemlich blöd und hartherzig und nun fühlte sich unendlich allein.

Ich gab ihm einen Namen, Peter, er war damit einverstanden. Seinen richtigen konnte ich nicht aussprechen.

Es dauerte, Vertrauen braucht Zeit, Peter lernte schnell die deutsche Sprache, wir uns kennen. Später schätzten wir uns und noch viel später wurden wir sogar Freunde.

Er erzählte mir viel aus Afrika und der Not dort und wie groß die Welt war.

Gemeinsam bestanden wir viele Abenteuer. Das mit dem Teufel und dem Krokodil bekamen wir auch hin, schwer, denn sie blieben ständige Widersacher, waren stets gefährlich.

Mit der Prinzessin war Peter übrigens geduldiger als ich, mir war sie immer zu hochmütig.

Und meine Schwester spielte in den Jahren danach auch oft mit,  mehr aber mit der Prinzessin.

 

Nun wollt ihr sicher wissen, was aus Peter geworden ist?

Ihm wurde das in Altenholz schließlich zu eng, ihn lockte die weite Welt und er wollte auch mal wieder mit Menschen leben, die seine Hautfarbe hatten.

„Ich gehe nach Amerika – da gibt es viel zu tun.“

Ich konnte ihn verstehen, nur Amerika war mir zu weit weg und ich war zu jung.

Die Prinzessin, gut so, ging mit.

Und ich Jahre später, auch ich wollte was von der Welt sehen, immerhin nach Berlin.