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AUSBLENDEN, AUSBLENDEN, AUSBLENDEN – ÜBER DIE KUNST DES WEGSCHAUENS.

von Dieter Puhl

Ich kann es, Du kannst es, wir alle haben es darin zur Meisterschaft gebracht.

Gestern besuchten Studierende der UdK Berlin die Bahnhofsmission Zoo, „Szenisches Schreiben“, Soziologie in Praxis. Sie waren gut vorbereitet, sehr aufgeschlossen, arbeiteten mit, fragten nach.
„Wie haltet ihr das aus, was nehmt ihr mit, habt ihr Supervision, wie beugt ihr einem Burnout vor?“
Klar haben wir Supervision, klar kann einem manchmal vieles über den Kopf wachsen und so berichtete dann auch unser 22 jähriger Praktikant, wie er es trainiert, zum Feierabend einen Hebel im Kopf umzulegen, um abzuschalten, Eindrücke nicht mit nach Hause zu nehmen, sich zu schützen.
Vernünftig und löblich!

Diesen Schalter habe ich wohl auch im Kopf, in der Seele aber nicht.
Manchmal will ich Bilder mitnehmen, will traurig und verzweifelt sein, will Resignation, will Wut spüren.
Das Leben. Darin mich.
Manchmal will ich es bitter, weil das auch ein Geschmack ist.

Ich fragte nach, viele kamen aus dem Bundesgebiet, sind neu in Berlin, „wie schafft ein ehemaliger Waldorf Schüler aus Lensahn, gerade frisch angekommen in dieser Stadt, es denn, nicht schon bei der ersten U Bahn Fahrt verrückt zu werden?“
Zu schreien und mit dem Schreien nicht mehr aufzuhören.
Bei dem Leid, den lebendig verwesenden Menschen, bei all den Bettlern, den Junkies, den magersüchtigen Mädchen, den einsamen Rentnern, der Ohnmacht, der Perspektivlosigkeit vieler!
Denn eigentlich ist das ja kaum auszuhalten.

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Ich glaube nicht, dass wir gefährdet sind, einen Burnout zu erlangen, bin vielmehr der Meinung, wir haben uns bereits einem kollektiven hingegeben.

2 Beispiele:

Unzufriedene, zu kurz Gekommene und viel brauner Sumpf gehen auf die Straßen.
Formieren sich – gegen vieles – unerträglich und gefährlich.
Mal sind es zehn-, mal fünfzehntausend, manchmal einige hundert.
Menschen stellen sich dagegen. Hunderte, gelegentlich einige tausend.
Hey liebe Leute, welches Land der Erde hätte aus seinen Erfahrungen und seiner Geschichte her eigentlich mehr Verpflichtung und Verantwortung als wir, hier mit einigen Millionen Demonstranten einen klaren Gegenpol zu bilden?!
Und auch ohne diese Geschichte sollten wir Unrecht erkennen.
Was gibt es da zu diskutieren?

Obdachlose Menschen begleiten jeden von uns im Alltag, im Park, vor dem Supermarkt, in Verkehrsmitteln.
Wir organisieren Ausstellungen, um die „Unsichtbaren“ sichtbar zu machen, obwohl wir jeden Tag an ihnen vorbeigehen, in Hamburg, Stuttgart, sehr in Berlin.
Kostet es Kraft, sie nicht anzuschauen, ihr tägliches, zähes Sterben nicht an uns heranzulassen – warum ist uns die Empathie verloren gegangen?
Unterlassene Hilfeleistung, moralisches Vakuum, breites Wegschauen.

Schalter umlegen – und schon haben wir Feierabend.
Wir machen Urlaub, haben frei. Immer!

Eine trügerische Freiheit. Sitzen dann auf unseren Sofas, fühlen uns kraftlos und depressiv, Chips in der einen, das Bier in der anderen Hand und schauen uns im Fernsehen an wie wirkliches Leben funktioniert oder was wir dafür halten.
Und werden uns immer fremder und fremder und haben verlernt, unsere Schalter wieder auf „Go“ zu stellen.

Nachhilfe gegen innere Versteinerung gibt Hermann van Veen in seinem Lied „Herz“.

Hörst du denn nicht den Trommler
Der beharrlich in die schlägt
Der dich bei aller Gegenwehr
Auch durch Feindeslager trägt
Hör auf ihn ? er sagt dir was
Wenn er sich nicht mehr regt
Ist das ein Zeichen dafür, dass
Sich gar nichts mehr bewegt

Mir macht der Song Mut, denn er hat mich stets begleitet, manchmal nur recht leise.
Werde ihn mir gleich mal wieder anhören...